PREDIGT

28. + 29. November 1998

Johannes 10, 11 + 14-15 + 27-28

 

Manfred Brüning

 

 

 

 

 

 

Geliebte Gemeinde,

Jesus ist der gute Hirte und wir sind die Schafe seiner Herde.

Ich meine, unser Predigttext gibt uns Antworten auf drei Fragen: 

„Was macht einen Hirten zu einem g u t  e n Hirten?“

„Was für Schafe möchte der gute Hirte weiden?“

„Was verbindet Hirte und Schafe miteinander?“

 

Johannes 10, 11 + 14-15 + 27-28

 

Was macht einen Hirten zu einem guten Hirten?

Einguter Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Bei uns zeigen Bilder vor Hirten oft eine schönen, sonnigen Heidelandschaft und inmitten seiner Heidschnuckenherde steht der Hirte mit seinem Schäferhund. Er stützt sich  gemütlich auf einen Stab und blickt in die weite Landschaft. Ein Bild von Frieden und Ausgeglichenheit.

Ein guter Hirte in Israel musste ein Kämpfer sein. Seine Herde war ständig in Gefahr. David berichtet davon, dass er schon als Hirtenjunge mit Wölfen und Bären gekämpft hat, um seine Schafe aus ihrem Rachen herauszureißen. Banditen versuchten Schafe zu stehlen. Das Land ist karg und Wasser für die Tiere gibt es wenig. Da muss ein guter Hirte bereit sein, sich ganz und gar, mit Leib und Seele, mit seinem ganzen Leben für seine Herde einzusetzen. Sonst kann nicht viel aus ihr werden. Und selbst den Tod darf er nicht fürchten, will er seine Schafe recht weiden. Bei einem guten Hirte sind Schafe geborgen.

Ein guter Hirte kennt seine Herde. Jedes einzelne Schaf kennt er persönlich und ruft es mit seinem Namen. Wenn ich früher einmal mit meinem Schwiegervater durch seinen Stall ging, dann sah für mich eine Kuh wie die andere aus. Er aber konnte sie leicht unterscheiden. Er war ja schon bei ihrer Geburt dabei gewesen. Er hatte das kleine Kalb mit Stroh abgewischt und gleich die Besonderheiten entdeckt. Er hatte es jeden Tag gesehen und gefüttert. Monate später hatte er der Kuh bei ihrer ersten Geburt geholfen, die erste Milch gemolken, für sie den Tierarzt gerufen, wenn etwas nicht stimmte. Mein Schwiegervater kannte jedes seiner Tiere wie ein guter Hirte genau.

Und noch etwas macht einen Hirten zu einem guten Hirten. Er ist ein Geber. Er gibt seinen Schafen alles, was sie zum Leben brauchen. In Psalm 23 wird einiges aufgezählt: frisches, nicht abgestandenes, fauliges  Wasser – grüne, nicht dürre Weide  – Führung  – Geborgenheit, wenn es im Tal eng und dunkel wird – Schutz vor Feinden – und das alles in Fülle. Ein guter Hirte ist ein guter Versorger. Bei ihm haben die Schafe an nichts Mangel.

 

Jesus sagt von sich selbst: Ich bin der gute Hirte. Er sagt es nicht als Hirte von tierischen Schafen. Er sagt es als der gute Menschenhirte. Er ist der gute Hirte für mich und dich.

Uns gibt Jesus Geborgenheit. Das heißt nicht, dass uns Nöte, Ängste, Krankheit, Leiden oder Sterben erspart bleiben. Es bedeutet, das wir auch im Augenblick der größten Schmerzen und in den dunkelsten Stunden uns in seine liebevollen Armen bergen können. Er setzt sein ganzes Leben für uns ein. Darum brauchen wir uns nicht zu fürchten. Wir können wie Paulus sagen: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn (Rö 8,38+39)

Jesus, der gute Hirte, kennt uns genau. Bestimmt kennt er uns besser, als wir uns selbst kennen. Er sieht uns so, wie wir wirklich sind. Er kannte uns ja schon, da waren wir noch nicht geboren. Da hatte er schon gute Gedanken über uns. Er macht sich nichts vor, er weiß doch, wir sind „nur“ begnadigte Sünde. Darum können wir ihn nicht enttäuschen, denn er hat sich nie über uns getäuscht.  Er kennt uns und setzt trotzdem sein Leben für uns ein.

Er versorgt uns mit allem was wir brauchen. Wenn wir denn etwas Gutes können oder haben, dann kommt es doch von ihm. Wie David können wir davon ausgehen: Mir wird nichts mangeln.

Jesus ist unser guter Hirte. Er behütet uns. Er kennt uns. Er gibt uns.

 

 

Was für Schafe möchte der gute Hirte weiden?

Schafe, die seine Stimme kennen und auf sie hören. Die Stimme des eigenen Hirten von allen anderen Stimmen unterscheiden zu können, war für ein Schaf in Israel ungemein wichtig. Oft kamen verschiedenen Hirten mit ihren Herden an eine Wasserstelle. Zog dann ein Hirte weiter, lockte er seine Schafe mit seiner Stimme, seinem Lockruf. Seine Schafe kannten diese Stimme, seinen Ruf, hören sie und zogen mit dem Hirten weiter. Die anderen Schafe, die diese Stimme nicht kannten, hörten nicht auf diese Stimme und blieben zurück. Die Stimme des Hirten trennte seine Schafe von den Schafen der anderer Hirten. Ein Schaf, das  die Stimme seines Hirten nicht aus dem Stimmengewirr heraushören konnte,  blieb allein zurück und kam um.

Uns geht es auch so. Kennen wir die Stimme Jesu nicht, können wir seine Stimme nicht unterscheiden von der Stimme des Versuchers oder der Stimme unserer Bequemlichkeit oder den Stimmen der Leute. Dann bleiben wir allein. Hören wir nicht die Stimme Jesu, dann wissen wir nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Dann tun wir mal dies und mal jenes. Dann sind wir hin und her gerissen. Dann finden wir den Weg nicht in den Himmel.

Die Stimme Jesu lernen wir kennen, in der persönlichen Stillen Zeit, wie wir das nennen. Da hören wir ihn. Da lockt er uns weiter. Da gehorchen wir seiner Stimme und gehen mit ihm

Ich kann mir immer noch keinen Christen vorstellen, der sich nicht täglich Zeit nimmt, um die Bibel zu lesen, still zu werden, um auf Jesus zu hören, zu beten und sich zu merken, was Jesus ihm gesagt hat. Wir haben doch Zeit auf die Stimmen von Zeitung, Fernsehens und von Romanen zu hören. Wir hören auf das, was die Leute reden. Und dann soll keine Zeit sein, täglich auf die Stimme des guten Hirten zu hören? Kann doch nicht sein. Jesus zumindest geht davon aus, das sein Schafe auf seine Stimme hören. Was die anderen Schafe machen, ist deren Sache.

 

Der gute Hirte möchte Schafe weiden, die ihm folgen. In Israel geht der Hirte voran. Er jagt seine Herde nicht vor sich her oder lässt sie von Hunden vorwärts treiben. Er geht voran und die Schafe folgen ihm. Ich bin mir nicht sicher, ob Schafe sich entscheiden, ihrem Hirten zu folgen. Ich gehe eher davon aus, dass sie hinter ihm herziehen, weil sie es so gewohnt sind. Es ist ihnen bei diesem Hirten gut ergangen. Warum sollten sie eigene Wege gehen.

Wir Menschen können uns entscheiden. Wir Menschen müssen uns entscheiden, wem wir folgen wollen.

Christen haben sich einmal grundsätzlich dafür entschieden Jesus zu folgen. Viele taten das, als sie sich bekehrten. Sie hörten das gute Wort von Jesus. Sie hörten die Aufforderung: „Folge mir nach!“ Sie vertrauten ihm und entschieden sich: Ich gehe nicht mehr die Wege, die ich bisher gegangen bin. Ich tue nicht mehr, was alle tun. Ich höre nicht mehr auf die Stimme meiner Bequemlichkeit. Ich höre auf Jesus und folge ihm nach. Ihm gebe ich mich hin.

Und auf diese grundsätzliche Entscheidung folgen die täglichen, manchmal stündlichen, minütlichen Entscheidungen: Ich bleibe jetzt in der Nähe Jesu, höre auf seine Stimme, gehorche und tue, was er von mir erwartet.

Warum entscheiden sich Christen immer wieder dafür, Jesus zu folgen. Nun, weil er der einzige gute Hirte. Sie tun es, aus den gleichen Gründen, aus denen David sich im 23. Psalm entschied bei Gott zu bleiben. Er sagte sich, bei diesem Hirten mangelt es mir an nichts. Er schenkt mir voll ein. Auch in Zukunft wird Güte und Barmherzigkeit für mich da sein. Also werde ich bleiben im Hause des Herr mein Leben lang. Und bei Christen ist es auch so. 

Einmal gingen viele Menschen weg von Jesus. Sie hatten sich über seinen Forderungen geärgert. Sie meinten, sie könnten es bei anderen Hirten besser haben, als bei Jesus. Da fragte Jesus seine Jünger: „Wollt ihr auch weggehen?“ Und Petrus antworte für sie: „Herr, wohin sollen wir denn gehen. Du, du hast Worte des ewigen Lebens. Du allein.“ (Jo 6,68) Weil man nur bei Jesus das ewige Leben bekommt, darum entscheiden sich Christen immer wieder neu, auf Jesus zu hören, mit ihm zu gehen, wohin er auch geht und gehorsam zu tun, was er  sagt.

Die Leute, die Mitläufer gehen weg, wenn Jesus sagt: Hier und nicht da geht es lang. Seine Jünger aber hören auf ihn und tun, was er sagt.

 

 

 

Und unsere dritte Frage: „Was verbindet Hirte und Schafe miteinander?“

Hirte und Schafe kennen sich. In unserem Predigttext wird zum Vergleich gesagt: Hirte und Schafe kennen sich so, wie Gott im Himmel seinen Sohn Jesus und wie Jesus seinen himmlischen Vater kennt.  Was Jesus mit uns verbindet, kann nicht mehr mit Vergleichen aus dem Alltag erklärt werden. Die Beziehung des Vaters mit dem Sohn wird zum Vorbild für die Beziehung Jesu mit den Seinen.

Kennen meint hier eins werden, Einheit, unzertrennlich zueinander gehören, aneinander festhalten, füreinander einstehen, sich ganz an den anderen hingeben,

Es fällt mir schon schwer zu glauben, dass sich das immer in der Beziehung von Jesus zu mir ereignet. Doch es ist vorstellbar. Jesus hat ja wirklich sein Leben für mich gegeben. Er hat ja wirklich das Lösegeld bezahlt und mich erlöst aus aller Gewalt des Teufels. Er hat ja wirklich seine liebevolle Hand segnend auf mein Leben gelegt. Er hat sein Leben mit mir geteilt, mir ewiges Leben gegeben und seine Heiligen Geist in mein Herz gesandt.

Doch, es ist vorstellbar, dass Jesus mich kennt, mich durch und durch erkennt und sich eins macht mit mir. Letztlich baut unser Glaube darauf, dass Jesus für uns ist, dass seine Hand uns hält und niemand und nichts uns aus seiner Hand reißen kann.

Aber stimmt das auch für meine Beziehung zu ihm? So wie ich mich kenne, bin ich nicht immer einig mit Jesus, stehe ich nicht immer zu ihm. Es ist schon so oft passiert, dass mir irgendeine Idee, eine Vorstellung, ein Enttäuschung Jesus aus meiner Hand gerissen hat. Ich habe mich schon so oft von Jesus getrennt.

Trotzdem sagt Jesus: Meine Schafe kennen mich, wie mein Vater im Himmel mich kennt, wie er zu mir steht, wie er mit mir eins ist, so sind auch meine „Schafe“ mit mir einst. Hat Jesus sich da vertan? Natürlich nicht. Jesus vertut sich nie.

Wie ist es dann zu verstehen? Jesus sieht meine Beziehung zu ihm nicht durch meine menschliche Brille. Er sieht sie, wie sie in Wirklichkeit ist.  Jesus sieht mich als wirklich erlöst an, durch sein Blut gereinigt von allem Bösen. Er sieht mich als seinen Bruder an, der das selbe Leben in sich hat, wie er, der den selben Vater hat, wie er, der den selben Geist hat, wie er., der für ewig sein wird, wie er. Er sieht mich, wie ich durch sein Sterben, seine Auferstehung, seinen Geist in Wirklichkeit bin.

Und was für mich gültig ist, stimmt natürlich für jeden Christen, für alle Schafe seiner Herde.

Verstehen können wir das nicht., beweisen noch viel weniger. Unsere Gefühle sagen uns nichts davon. Unsere Taten oft auch nicht. Aber Jesus  sagt es, Und es  steht so bestimmt hundert mal in der Bibel. Weil es Gottes Wort ist, darum können wir es ihm  dann doch glauben. Wir können sagen: Weil Jesus, der gute Hirte, sein Leben für uns gegeben hat, ja sein ewiges Leben uns gegeben hat und ich wir das glauben, darum sind wir mit ihm verbunden. Darum kennt er uns so, wie sein Vater ihn kennt und wir kennen Jesus so, wie er seinen Vater kennt.

Jesus sagt von sich selbst: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich. So ist es!

 

 

Geliebte Gemeinde,

Wir haben einen guten Hirten. Wir haben es gut.

 

 

Amen.